#auszeitadvent Türchen Nr. 20

“Handle stets so, dass die Anzahl der Wahlmöglichkeiten größer wird.”

Das Zitat von Heinz von Förster, österreichischer Physiker, Kybernetiker und Philosoph sowie Urvater der Systemtheorie, ist der wichtigste Leitsatz meiner Coachings und Seminare.

“Oh Gott, bitte nicht noch mehr Wahlmöglichkeiten”, hat mir mal eine Freundin entgegnet. “Ich will mal weniger zu entscheiden haben!” Und auf den ersten Blick hat sie völlig recht. Wir leben in einer Zeit und Region der schier unendlichen Möglichkeiten. Zumindest theoretisch könnten wir uns jede Woche für eine neue Stadt, einen neuen Job, eine neue Beziehung entscheiden. Und da reden wir noch gar nicht von den Klamotten, Büchern, Hobbies die eine Wahl von uns fordern.

Dabei beschäftigt gerade die Systemtheorie sich damit, wie wir Menschen die Komplexität unserer Welt zu reduzieren versuchen. Wie passt das zusammen? Zunächst mal ist der Satz von Försters ein “ethischer Imperativ“. Während dem
Konstruktivismus, den von Förster mit entwickelt hat, leicht ein “anything goes” nachgesagt wird, weil sich darin – sehr verkürzt gesagt – jeder seine eigene Realität strickt, setzt er hiermit eine moralische Leitplanke. Denn es geht dabei nicht nur um die Anzahl meiner Wahlmöglichkeiten, sondern um die Möglichkeiten allgemein, vielleicht sogar aller Menschen.

Kleines Beispiel aus dem Adventsalltag: wenn ich die fünfte Lichterkette mit Batterie kaufe, kann ich zwar meine Wohnung weihnachtlicher beleuchten und bin an der Dekofrontflexibler – erhöhe also meine Wahlmöglichkeiten. Gleichzeitig unterstütze ich die Produktion eines billigen Plastikprodukts, das die Umwelt versaut und vermutlich auch dazu beiträgt, dass Menschen ausgebeutet werden; außerdem reduziere ich den Inhalt meines Geldbeutelsund habe nach Weihnachten weniger Platz auf dem Speicher. Insgesamt gesehen, haben sich also die Möglichkeiten verkleinert.

Greife ich stattdessen zur Upcycling-Variante habe ich zum einen gleich eine Vielzahl an Möglichkeiten bei der Auswahl und beim Basteln, gleichzeitig ist für Mensch und Umwelt ein klein wenig mehr Luft reingekommen. A propos mehr Luft: Einer meiner Trainer in der systemischen Weiterbildung bei der GST München hat von Försters Zitat mit der Frage übersetzt „Fühlt es sich enger oder weiter an?“ Für meine Beratung heißt das, insbesondere durch Fragen, Türen im Kopf zu öffnen. Dazu anzuregen andere Möglichkeiten zu denken, andere Wirklichkeiten zu konstruieren. Es kann heißen, jemandem die Augen dafür zu öffnen, dass es nicht nur die aussichtlosen beiden Alternativen a und b gibt, sondern auch noch die Varianten c, d und vielleicht sogar y; oder aber dafür, dass Alternative b mehr Möglichkeiten bietet, zufriedener, glücklicher oder einfach mehr sich selbst zu sein.

Mehr Luft zu haben.

Judith Rachel

Judith Rachel

Foto: Sebastian Blatt

Judith ist systemische Beraterin, Trainerin, Referentin und Moderatorin. Sie bietet Systemische Beratung für Einzelpersonen und Gruppen, intensive Firmentrainings, Seminare und fachlich fundierte Moderationen an. Ich persönlich kenne Judith aus einem weniger förmlichen Rahmen, da wir uns mit noch ein paar weiteren Freunden eine chaotisch-herzliche Büroetage teilen. Aber das ist eine andere Geschichte. 🙂

Disclaimer: Der Auszeit-Adventskalender ist ein Herzensprojekt und es erfolgte keinerlei finanzielle Aufwendung seitens der Türchenbefüller*innen an mich.