#auszeitadvent: Türchen Nr. 3

Kurzgeschichte: Stille Angelegenheit

Michelle Thonet Calogero

Mein Opa, Sizilianer, wurde fast 83 Jahre alt. Er hieß Calogero und seine Herkunft sah man ihm auf
den ersten Blick an. Gemessen in Zentimetern war er nicht gerade der Größte aber mit seiner
charmanten und selbstbewussten Art stand er da locker drüber. Bis ins hohe Alter hatte er volles,
dunkles Haar und immer ein verschmitztes Lächeln auf den Lippen. Er trank zu jeder Mahlzeit seinen
Wein und ich erinnere mich daran, dass er immer eine Zigarette griffbereit zwischen seinem Kopf
und dem Ohr geklemmt hatte. Ein Italiener wie er im Buche steht. Und doch hatte er eine Art an sich,
die ganz untypisch italienisch war. Mein Opa verbrachte nie den ganzen Abend am Tisch, wenn viele
Leute da waren und er kam nur selten zu geladenen Veranstaltungen. Er hatte die Fähigkeit mehr zu
schweigen als zu reden, brauchte nie viele Worte. Wenn meine Oma die Familie einlud und fünf bis
zehn Verwandte am Tisch saßen, war es alles andere als leise. Gespräche fanden über vier Ecken
statt, es gab wilde Gestikulationen und eine temperamentvolle Melodie aus italienischen und ab und
zu deutschen Wörtern wie „ieri ho preparato una Käsekuchen“.

Es gab immer diesen einen Punkt, an dem mein Opa beschloss, sich zurückzuziehen, obwohl die
Familie oder Gäste noch stundenlang da waren und ich sehe ihn, als wäre es gestern gewesen, wie er
in seinem weißen Unterhemd und einem karierten Holzfällerhemd darüber, aufsteht, langsam den
Raum verlässt und die Tür hinter sich schließt. Unter Italienern ein absolutes No-Go und fast so
schlimm, wie eine Mahlzeit abzulehnen. Das Besondere bei meinem Opa: niemals wäre ihm jemand
deswegen böse gewesen und niemand war verwundert, wenn er ging, weil es ganz normal war, dass
mein Opa früher und niemals später, die Stille suchen wird.

Dass mein Opa bei uns zu Hause war, erkannten wir nicht etwa daran, dass er unangemeldet
klingelte und zum Essen blieb, sondern am Gemüse, dass unangemeldet in der Garage lag. Seine
größte Leidenschaft war der Anbau von Obst und Gemüse auf seinem Feld in Saarlouis. Dort hatte er
über 40 Jahre und weit übers Rentenalter hinaus, jeden Tag gearbeitet. Freiwillig. Ohne größere
Absichten. Manchmal lagen zwischen den Salatblättern auch zwei 5-Euro-Scheine, einer für meinen
Bruder und einer für mich. Opa war da.

Als ich letztes Jahr zum ersten Mal eine Beratung mit einem Klienten hatte, der mit Mitte Dreißig ein
Burn-out erlitt, musste ich an meinen Opa denken. Der Klient saß jeden Tag in seinem Büro am
Schreibtisch. Er saß im Trockenen, wenn es draußen regnete und schaltete die Klimaanlage ein, wenn
es draußen zu heiß wurde und er sprach von Überarbeitung. Mein Opa arbeitete jeden Tag schwer
körperlich auf seinem Feld und wenn er dort nicht war, stand er bei jedem Wetter auf dem Markt
und brachte die Bohnen an den Mann bzw. die Frau. Wenn ich mir „Überarbeitung“ bildlich vorstelle,
dann habe ich eher meinen Opa vor Augen, als den Mann an seinem Schreibtisch und doch hatte er
recht. Er war überarbeitet und ausgebrannt. Mein Opa hingegen war von einem Burn-out meilenweit
entfernt. Den größten Stress hatte er tatsächlich in seinen letzten Monaten, in denen er nicht mehr
auf dem Feld arbeiten konnte und darauf angewiesen war, dass er den ganzen Tag Menschen um
sich herumhatte.

Als ich die Ausbildung zur Achtsamkeitstrainerin begonnen habe, dachte ich erst, dass ich ja schon
alles über Achtsamkeit weiß, schließlich versuche ich jeden Tag ganz bewusst achtsamer zu werden
und mit einer sehr bewussten Haltung durchs Leben zu gehen. Aber wie genau regelmäßiges
Praktizieren dazu führt, dass ich immer gelassener werde und selbst in alltäglichen Situationen, die
mich vor ein paar Jahren noch völlig aus der Ruhe gebracht hätten, heute einfach gelassen bleibe,
diese Frage konnte ich nicht zu 100 % beantworten. Während der Ausbildung beantworteten sich
viele Fragen, aber ich erinnere mich noch an den Moment, in dem mir ein (Flut)licht aufging!
Achtsamkeit ist der Raum zwischen Reiz und Reaktion. Und je achtsamer du bist, desto größer wird
der Raum.

Achtsamkeit ist Selbstwahrnehmung. Wir lernen, unsere Empfindungen, Gedanken, ja ganze
Denkmuster, Handlungen und Bedürfnisse ganz bewusst wahrzunehmen. Achtsamkeit ist
Selbstreflexion. Eine Fähigkeit, die uns ganz schön verloren geht. Mal ganz ehrlich, ich treffe so viele
Menschen, die sich gar nicht mehr daran erinnern, wann sie sich oder eine Situation zum letzten Mal
reflektiert haben. Wie wollen wir etwas besser machen, Stress reduzieren oder Lösungen finden,
wenn wir verlernen, uns zu reflektieren? Achtsamkeit ist noch so viel mehr aber um nicht den
Rahmen zu sprengen, bleibe ich in diesem Text mal bei der Selbstwahrnehmung und der
Selbstreflexion. Beides braucht Raum.

Wenn mein Opa nach dem Essen vom Tisch aufstand und den Raum verließ, suchte er die Stille, denn
seine Kapazitäten für neue Informationen, Lärm und Hektik waren irgendwann erschöpft. So wie bei
jedem von uns, die Kapazitäten irgendwann erschöpft sind. So wie die Kapazitäten der ständigen
Erreichbarkeit, der Leistungen und des Drucks, immer neue Erwartungen anderer zu erfüllen, bei
meinem Klienten mit Mitte Dreißig erschöpft waren. Im Gegenteil zu meinem Opa Calogero, blieb
mein Klient am Schreibtisch sitzen und unterlag den nie endenden unerheblichen Informationen, die
tieferliegende, innere Stimmen gar nicht erst zu Wort kommen ließen. Er blieb ständig erreichbar
und kümmerte sich nur noch um die Bedürfnisse anderer. Der Raum wurde immer kleiner,
irgendwann wurde das ganze Leben zu einem einzigen Reiz und das Burn-out zur Reaktion.
Wie bereits erwähnt, zählten zu der Arbeit auf dem Feld außerdem der tägliche Wein und die
Zigaretten zu den Leidenschaften meines Opas. In den letzten 40 Jahren vor seinem Tod war er nie
beim Arzt gewesen. In der modernen Zeit von heute war sein Lebensstil also nicht gerade vorbildlich
oder gesundheitsorientiert. Aber er beherrschte die Grundlage des Seins. Mein Opa verbrachte
täglich mehrere Stunden allein auf seinem Feld und stand somit in erster Linie in Kontakt mit sich
selbst. Mein Opa schuf sich bewusst „Räume“ – Momente des Alleinseins, eine Fähigkeit, die uns im
unachtsamen Alltag verlorengeht, uns sogar Angst macht, denn die Stille konfrontiert uns mit uns
selbst.

„Ein Ziel der Lebenskunst ist es, das eigene Leben so zu führen, dass man bei sich bleibt, sich
nicht verliert, sondern immer wieder zu sich findet: dass man Alleinsein sucht und Einsamkeit meidet.“
(Rolf Haubl).

Mein Opa starb wenige Tage vor seinem 83. Geburtstag an Lungenkrebs. Wahrscheinlich die
Kehrseite seiner ungesunden Leidenschaft, dem Rauchen. Aber er wurde 83 und wartete nie darauf,
in Rente zu gehen. Mein Opa lebte. Bis kurz vor seinem Tod überraschte er mich sogar mit seiner
sehr positiven Sicht der Dinge, als er sagte, dass wir spazieren gehen, wenn die Sonne wieder scheint.
Es war Februar, die Sonne ließ sich seit Wochen nicht mehr blicken und er hatte so stark abgebaut,
dass wir jeden Tag mit dem Abschied rechnen mussten. Obwohl es nie seine Absicht war, ist er für
mich das größte Vorbild in Sachen Achtsamkeit und ich hoffe, dass ich mit den Jahren die Haltung
annehme, die er hatte.

Neulich war ich mit meinem Freund bei der Familie eingeladen. Es gab viel zu viel Essen und viel zu
viele Informationen in kürzester Zeit. Auf dem Heimweg saß ich ganz ruhig im Auto, sagte kein Wort
und mein Freund fragte mich irgendwann ganz selbstverständlich „Hast du gerade deinen Calogero
Moment?“ Ja, ich suchte die Stille und schuf einen Raum <3.

Ich wünsche euch frohe Weihnachten und im neuen Jahr ganz viele Calogero Momente.

Michelle Thonet

michelle thonet

Michelle Thonet ist Trainerin für Stressmanagement, Achtsamkeitstrainerin für Stressbewältigung, Resilienztrainerin, Meditationslehrerin und hat ein abgeschlossenes Studium für Gesundheitsmanagement. Geballte Kompetenz, würde ich sagen! Mit ihrer “Herzensangelegenheit” unterstützt sie Mitarbeiter, Schüler und Auszubildende sowie Privatpersonen dabei, ein Bewusstsein für die wesentlichen Themen Achtsamkeit, Resilienz und den richtigen Umgang mit Stress zu schaffen.

Danke, für diese unglaublich rührende Geschichte und dass wir so an diesem Dezembertag alle ein wenig Calogero in unserem Leben haben durften. <3

Disclaimer: Der Auszeit-Adventskalender ist ein Herzensprojekt und es erfolgte keinerlei finanzielle Aufwendung seitens der Türchenbefüller*innen an mich.