Eines schönen Tages gehen der Angstzwerg und ich eine Runde spazieren. Ganz beiläufig fragt er mich “Und, wie isses so?” “Ach, weißt du, ich hatte heute Nacht wieder diesen Traum. Ich war pleite…” Im Augenwinkel sehe ich, wie ein diabolisches Grinsen über sein Gesicht huscht und er ein kleines Bisschen größer wird. Bei mir denke ich noch “Warum rede ich eigentlich mit dem Arsch…?”, aber es ist nun mal niemand anders da, also blubbert es weiter aus mir raus “…mein ganzes Geld war weg und ich musste wieder bei meinen Eltern wohnen. In meinem Jugendzimmer, alles war ganz unverändert. Ich bin dort morgens wach geworden und wusste, ich muss mir eine Wohnung suchen, aber da ich kein Geld hatte, hab ich Panik bekommen. Dann kam meine Mutter rein…”. “Ach du meine Güte, das klingt nach einer furchtbaren Nacht! Ausgezeichnet!” murmelt der kleine Störenfried neben mir und reibt sich die Hände. Täusche ich mich, oder ist der Blödmann noch ein Stück gewachsen?

“Kuck mal, da vorne ist eine Bank, wollen wir uns da vielleicht hinsetzen und du erzählst mir noch ein bisschen von deinem Traum?” Ich blinzle kurz, dummerweise habe ich meine Sonnenbrille daheim liegen lassen. Auf der Bank sitzt bereits jemand, ich kann allerdings nur vage die Umrisse erkennen. Je näher wir kommen, desto deutlicher wird das Bild. Es ist eine Frau, wunderschön und fremdartig gekleidet. “Ein wenig overdressed hier so mitten am Tag…” murmelt der fiese Zwerg neben mir. Ich hingegen bin verzückt und gucke genauer hin. Ihre Kleidung ist wild gemustert, sie trägt einen bauschigen Rock, eine Bluse und um ihre Schultern ist ein wunderschöner Schal geschlungen. Die Haare trägt sie geflochten und hochgesteckt, Blumen stecken darin. Ein kleines Lächeln umspielt ihre Lippen, als mein Blick auf die dicht gewachsenen, buschigen Augenbrauen fällt. “Der Wahnsinn!” denke ich bei mir. So eine Frau habe ich noch nie gesehen, schon gar nicht an einem Sonntagnachmittag hier in meiner Stadt.

“Hey Sie, kommen Sie her, setzen Sie sich zu mir! Und bringen Sie das kleine Männlein mit, das sich an Ihre Fersen geheftet hat!” Heidewitzka, die Frau hat aber einen zackigen Ton drauf. Um keinen Ärger zu riskieren, lasse ich mich vorsichtig neben ihr auf die Bank gleiten. Ich versuche einen weiteren Blick auf sie zu erhaschen, ohne dabei den Kopf zu drehen. Der Zwerg sieht das und prustet los. “Warum schleichen Sie hier so durch die Gegend und haben dieses fiese Ding da dabei?!” Ich schlucke, bevor ich zaghaft antworte “Ich hatte einen blöden Traum heute Nacht und konnte ihn nicht ganz abschütteln. Ich wollte ein bisschen an die frische Luft, um einen klaren Kopf zu bekommen. Und der Zwerg…der ist eigentlich immer da. Mal größer, mal kleiner. Eigentlich weiß ich auch gar nicht, warum ich überhaupt mit ihm rede.” “Seit wann hängt der denn an Ihnen dran?” “Ach, eigentlich schon immer. Ich kann mich nicht erinnern, dass er nicht da war. Saß in der Schule neben mir und hat mich ausgelacht, wenn ich in Mathe Probleme hatte oder an die Tafel musste. An der Uni hat er mir manchmal ein Bein gestellt, wenn ich an vielen großen Menschen vorbeilaufen musste. Vor Referaten hat er mich regelmäßig nachts wachgehalten und mir Gemeinheiten ins Ohr geflüstert. Momentan ist er eigentlich ständig da. Irgendwie wird er auch immer größer. Gestern ging er mir noch bis zum Knie, heute reicht er mir schon bis zur Hüfte.” “Und wenn Sie dem kleinen Fiesling mal so einen richtig kräftigen Tritt in den Hintern verpassen?” “Alles schon versucht, am nächsten Tag ist er wieder da.” “Mmmh, ich verstehe.” sagt sie und guckt mich ein wenig mitleidig an.

“Was tun Sie eigentlich hier? So eine Frau wie Sie habe ich noch nie gesehen! Ich liebe ihr Outfit!” Sie guckt an sich herunter, als wüsste sie gar nicht, was ich meine. “Ach wissen Sie, irgendwie hatte ich das Gefühl, ich werde hier gebraucht…” schmunzelt sie mit einem vielsagenden Gesichtsausdruck. Eine Weile sitzen wir schweigend nebeneinander, die Gesichter der Sonne zugewandt, um ja keine der kostbaren Strahlen zu verpassen.

“Was war das denn für ein Traum?” unterbricht die Frau das einvernehmliche, genießerische Schweigen. “Es ging wieder mal ums Geld. Und das Gefühl, dass ich der Welt so viel zu geben habe, aber niemand will es annehmen. Ich fühle mich, als würde ich mit meinem Herzen in der Hand auf Mitten auf einem Platz voller stehen und niemand will es haben. Egal, wie laut ich rufe!” Sie nickt. “Das muss ein schreckliches Gefühl sein.” “Ist es auch. Kucken Sie sich nur mal den Zwerg an, wie selbstgefällig grinsend er da steht!” und zeige auf meinen Begleiter, der gerade mit großer Freude Gänseblümchen auf der naheliegenden Wiese platt tritt. “Ich war mal ein einer ähnlichen Situation.” antwortet die schöne Frau nach einer kurzen Pause. “Allerdings hatte ich einen Unfall und mein Körper machte einfach nicht mit. Aus mir wollte so viel raus, aber ich konnte keinen Pinsel halten.” “Das muss schrecklich für Sie gewesen sein!” entgegne ich ihr mit weit aufgerissenen Augen. “Das war es. Aber wissen Sie was? Ich habe drauf geschissen und aus dem dampfenden Haufen Kacke was Einzigartiges geschaffen!”. Ein bisschen pikiert von ihrer Wortwahl hänge ich trotzdem an ihren Lippen. “Aber wie haben Sie das gemacht?” “Cojones und die feste Überzeugung, dass ich vielleicht irgendwann mal eine Frau auf einer Parkbank treffe, die vielleicht dank meiner Geschichte am Ende des Tages ein wenig leichter Atmen kann!”

“Ich mag diese Frau!”, denke ich bei mir und halte mein Gesicht wieder in die Sonne. “Am Ende ist es doch so meine Liebe: Wollen Sie sich von einem kleinen, bösartigen Blumenzertrampler vorschreiben lassen, was Sie zu tun haben? Das kann ja wohl nicht ihr ernst sein!” Ich schiele rüber zum Zwerg und strecke ihm in Gedanken die Zunge raus. Nein, das ist nicht mein Ernst! Zaghaft antworte ich “Wissen Sie, ich mag dieses Zitat aus einem meiner Lieblingslieder. Nämlich, dass ich dem Leben das Leuchten in meinen Augen schulde. Aber wenn der da in meiner Nähe ist, leuchtet in meinen Augen gar nichts.” “Ok, ich mache ihnen ein Angebot! Ich habe genug Mut für uns beide. Ich nehme diese Abscheulichkeit jetzt mit und Sie überlegen sich mal ganz genau, was Sie der Welt geben wollen. Und dann legen Sie los. Bringen Sie ihre Augen zu leuchten. Schreiben Sie Bücher, malen Sie schreckliche Bilder, singen Sie schief, lernen Sie ein Instrument und hören Sie nach einem Tag wieder damit auf – aber legen Sie los!” ruft sie mir über die Schulter zu, während sie den Zwerg an der Hand packt. Eine Sekunde später höre ich einen lauten Knall und ein helles Licht blitzt auf. Ich kneife die Augen zusammen und als ich sie wieder öffne, liegt da eine einzelne, exotische Blume neben mir und ich kann zum ersten Mal seit Tagen wieder tief durchatmen.